Das Klärwerk

Das Rheinland, hier bestimmt seit Urzeiten der Rhein die Landschaft, die Geschicke der Menschen und die Entwicklung der Städte.

Um 1850 wuchs die Bevölkerung in den Städten des Rheinlands durch die beginnende Industrialisierung. Epidemien zogen durch die engen Stadtviertel. Eine der wichtigsten und umstrittensten Fragen jener Zeit war:

Wie kann man das Leben in der Stadt gesund machen?

Eine der wesentlichsten Lösungen war: Schmutz und Krankheitserreger sollten mit dem Wasser in unterirdische Systemen, neuartigen Abwasserkanälen, aus der Stadt hinausgespült werden. 

Die Kanalisation

Diese ersten modernen Abwassersysteme wurden um 1842 – von England ausgehend –  in vielen Städten Europas und Amerikas erbaut, in Krefeld um das Jahr 1875. Übrigens: Toiletten waren daran gar nicht angeschlossen, das war sogar verboten. [mehr lesen: Die Kanalisation]

Warum wollte man das Abwasser klären?

Um zu verhindern, dass die Flüsse durch das Abwasser immer unansehnlicher und der Schmutz den Anliegern flussab schaden würde, wurde in Krefeld DasKlärwerk gebaut und ging 1909 in Betrieb.

Reinigungsanlage der Stadt Krefeld, kurz nach der Eröffnung 1909,
Foto: Stadtarchiv Krefeld

Die Geschichte eines Klärwerks ist immer auch die Geschichte seiner Stadt

Krefeld ist bekannt als Samt- und Seidenstadt und einer der historischen Orte Europas, der durch seine Textilindustrie geprägt wurde und weltweit bekannt war. Bis in die Gegenwart ist das heutige Krefeld durch zwei Zentren geprägt, das kurkölnische am Rhein gelegene Uerdingen (Stadtrechte 1255) und das weit landeinwärts gelegene und größer wachsende Krefeld (1373 zur Stadt erhoben).

Bereits seit 1811 verband die beiden Städte eine durch französische Ingenieure unter Napoleonischer-Besatzung ausgebaute Verbindungsstraße, die schnell zu den meistbefahrenen Handelswegen in Europa gehörte. Uerdingen hatte die Rolle der Handelsstadt, die das Hinterland und insbesondere Krefeld (aber auch Mönchengladbach, Viersen, Aachen, Belgien) über ihren natürlichen Umschlagplatz am Ufer des Rheins versorgte. Zudem war Uerdingen wichtiger Zollort und ein Standort der ersten industriellen Betriebe der Region, den Zuckerraffinerien.

Beide Städte sind insbesondere durch die beginnenden Krefelder Hafenplanungen um 1900, die intensiven Siedlungstätigkeiten und Eingemeindungen (Linn, Bockum) Krefelds, den gleichzeitigen Mangel an Fläche und Wohnraum in Uerdingen, eng verbunden. Erst seit 1929 sind beide Städte auch formell verbunden, seit 1940 dann zwangsweise und nun endgültig vereint.

Während Krefeld als Eisenbahnknoten mit der Ruhrort-Krefelder Eisenbahn 1849, schnell darauf mit Verbindungen nach Köln, Aachen, Kleve, Paris seine überregionale Bedeutung weiter ausbaute, entstanden in Uerdingen seit 1877 eine gewaltig wachsende Farbenfabrik, es wurden dort aber auch Dampfkessel und Trocknungsanlagen hergestellt, Öle und Mengen an Spirituosen.

Erst vergleichsweise spät um 1880 begann in Krefeld die Mechanisierung der zuvor noch durch die Seidenweberei mit Handwebstühlen handwerklich geprägten Textilindustrie. Es entstanden nun große industrielle Webereien mit Websälen in denen hunderte mit Dampfmaschinen angetriebene mechanische Webstühle standen, metallverarbeitende Zulieferbetriebe, Färbereien für chemische Farben.

Um 1900 siedelte sich in Krefeld (in der noch eigenständigen Gemeinde Fischeln) auch Schwerindustrie an, ein ganzes Stahlwerk wurde dort gebaut. Dort und um weitere wachsende Betriebe in der Stadt wie die Crefelder Baumwollspinnerei als einer der größten Arbeitgeber, entstand für die nun stark wachsende Arbeiterschaft hoher Bedarf für Wohnraum, neue Siedlungen wurden als Werkswohnungsbau, später durch Baugenossenschaften, letztendlich sogar durch die Stadt selbst gebaut.

Denn seit 1905 lockte der neue Rheinhafen Krefeld vor allem die Nahrungsmittelindustrie mit gleich mehreren Großmühlen und Silos an, aber auch Leinölfabriken fanden am Hafenbecken ein ideales Umfeld, ein Hochofen-Stahlwerk entstand dort, Seife wurde ebenso im Hafen hergestellt.

All diese Industrien und Menschen erzeugten große Mengen von Abwasser. Ein Abwasserkanal aus der Stadt zum Rhein war bereits 1874 gebaut worden, aber die Abwässer der Stadt und der Gewerbe mussten nun dringend gereinigt werden. Aus diesem Grund plante und baute die Stadt Krefeld eine Kläranlage, die 1909 in Betrieb ging. Das Krefelder Klärwerk wurde als ein bis heute aussergewöhnliches Bauwerk geplant, ein Palast der Hygiene, ganz mit dem damals neuartigen Baustoff Beton, der dem Jugendstil der Architektur der Reinigungsanlage eine vollkommen neue Formgebung ermöglichte.

Das Klärwerk wurde dabei für die annähernd dreifache Bevölkerungszahl ausgelegt, denn der Rheinhafen sollte auch der Ausgangspunkt für einen Rhein-Maas-Schelde Kanal bis nach Antwerpen in Belgien werden, man hoffte als Ausgangshafen enorm zu wachsen. Im Ersten Weltkrieg profitierte nur das nun zum IG Farben Konzern gehörende Chemiewerk in Uerdingen, der Kanal an die Schelde wurde aber nie gebaut.

Dennoch setzte sich die hohe Baukultur in Krefeld weiter fort, der später weltberühmt gewordene Architekt Mies van der Rohe wurde in Krefeld mehrfach tätig, sollte nicht nur im Bauhaus Geschichte schreiben, sondern auch den internationalen Architekturstil prägen. In Krefeld sollte er neben einigen Villen auch seinen weltweit einziges Fabrikgebäude realisieren.

Nachdem in Krefeld im Dritten Reich die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, auch mit Hilfe einiger Krefelder Industrieller durch Arisierungen, Mord und Deportation ihre grausamen Spuren in der Stadt besonders bei der jüdischen Bevölkerung hinterlassen hatten – mehr zu diesem Kapitel in der NS-Dokumentationsstätte Villa Merländer – wurde die Bombardierung der Alliierten zum Ende des Weltkriegs für die Stadt und Menschen ein einschneidendes Erlebnis. Nicht nur die halbe Stadt war in Schutt und Asche gelegte, tausende Menschen hatten ihr Leben verloren. In Uerdingen sprengten deutsche Truppen auf dem Rückzug noch die recht neue Rheinbrücke, bevor amerikanische Panzer sie überqueren konnten.

Die Nachkriegszeit war durch enormen Wohnungsmangel und ankommende Flüchtlingsströme geprägt, erst das Wirtschaftswunder brachte Konsum, Automobil und den Wunsch zum Eigenheim in die Stadt. Die Industrie, ob Textil, Metall oder Chemie erholte sich nun zusehends, der Wohlstand kam und prägten fortan die Landschaft am Rhein, die Stadt und die Menschen. Allerdings sind Umwelt- Planungs- und Verkehrsprobleme dafür bis heute ein hoher Preis. Krefeld wurde demokratisiert und auch amerikanisiert, Autobahnen und Autotangenten durchkreuzen seitdem die Stadt. Eine Automobile Großsiedlung (Gartenstadt / Elfrath) entstand auf Geheiß der Industrie auf der grünen Wiese.

Textilkrise, Montankrise, große Arbeitgeber machten auch in Krefeld dicht, die Stadt geriet unter Druck. Für Baukultur oder Industriekultur blieb dabei in Krefeld manchmal wenig übrig, das alte Klärwerk, das alte Stadtbad, die städtischen Lager im Hafen, vieles wurde geschlossen und fast vergessen.

Aber nur fast, denn jene Erinnerungsorte bewahren die Geschichten über uns Menschen und ihre besondere Stadt auf und lassen sie lebendig werden. Das sind die außerordentlichen Orte, die Krefeld ausmachen. Zusammen mit Kunst, Kultur, Musik, dem Rhein und viel Grün, den Stadtteilen mit ihrer ganz eigenen Identität.

Doku zum Klärwerk und der Stadt:


Wasser

In der Stadt verschwindet das Wasser, nachdem wir es gebraucht haben.

In unsichtbaren unterirdischen Abwasserkanälen.

Und unsere Wahrnehmung von Wasser?

Wasser ist bei uns immer und überall verfügbar.
Wir benutzen es einfach. Und wir verbinden Wasser mit „Hygiene“.

Weltweit stiegen Anfang des 20. Jahrhunderts die Abwasser und Schadstoffemissionen in den Industrieländern. Kommunen klärten zwar oftmals ihr Abwasser, die Industrie aber nicht.

Im Rheinland leiteten die kleinen und großen Werke ihr Abwasser unbehandelt in den Rhein. Siehe dazu: Erst 1975 geht die erste Kläranlage des Bayer-Werks in Betrieb

Flüsse hatten, so glaubte man damals, eine fast unbegrenzt hohe „Selbstreinigungskraft“ und standen als die natürliche Müllabfuhr unbegrenzt zur Verfügung.

Industriebetriebe am Rhein

Das änderte sich erst viele Jahrzehnte später, beginnend in den 1960er Jahren, als die Folge eines langen Kampfes gegen die immensen Umweltverschmutzungen.

Wissenschaftler schlugen damals Alarm, die Politik war gezwungen zu reagieren. Besonders der Protest von neu entstandenen Umweltschutz-Initiativen vergrößerte nun erheblich den Druck. Und neue Gesetze zwangen dann mit Strafen, das Abwasser endlich zu reinigen.

Das alte Klärwerk der Stadt war veraltet

und seit 1962 abgeschaltet.
Erst 1980 ging das neues Klärwerk in Krefeld in Betrieb.

In Krefeld reagierte die Stadt nun auch und baute ein neues Klärwerk. Das alte Klärwerk der Stadt war 1962 abgeschaltet worden, aber wurde ab 1980 für einige Jahre reaktiviert und umgenutzt. Es diente nun als Pumpstation um das Abwasser der Stadt zum neuen Klärwerk zu befördern.

Um das Jahr 2000 endete auch diese letzte Nutzung, das Gebäude war allerdings schwer beschädigt worden.

Ende gut alles gut? Alles Abwasser geklärt?

Mikroplastik, Arzneimittelrückstände und einige Schadstoffe werden mit der bestehenden Technik der Klärwerke noch nicht genug entfernt.

Und dieses Abwasser fließt in die Flüsse. Ins Meer.


Und global gesehen: wie steht es denn da um unser AbWasser?

20% des Abwassers wird gereinigt.
80% wird ohne Klärung in die Flüsse oder das Meer eingeleitet.
2,4 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu Toiletten.

Mehr lesen:

Wasser Kulturerbe, das Klärwerk

Nur eine Kathedrale aus Rost. Oder: Wie wichtig sind eigentlich solche Hinterlassenschaften der Moderne?

Oder: Seit wann gibt es eigentlich Umweltschutz? Was bedeutet Stadt-Hygiene? Seit wann wissen wir um Bakterien, Viren, Pandemie? Warum hat der damals neue Baustoff Beton damals so schon ausgesehen? Was ist Baukunst überhaupt? Wieso ist Jugendstil untergegangen? Warum hat der Klimawandel mit der Industrialisierung zu tun?

Müssen wir uns heute überhaupt noch an die kulturellen wie technologischen Hochphase vor und zwischen den Weltkriegen erinnern? Dient Erinnerungskultur auch für nachhaltige Entscheidungen heute? Was ist mit unserer Demokratie?

Seit dem Jahr 2018 wird DasKlärwerk von einer Gruppe engagierter Menschen als besonderes Industriedenkmal, technisches Denkmal, Kulturdenkmal erhalten. Es ist schon jetzt ein besonderes Museum und wird langfristig zudem als Veranstaltungsort dienen.

Hier finden Sie die technischen Details des Bauwerks

DasKlärwerk ist ein Ort, um von Wassergeschichten, Nachhaltigkeit, Klimawandel zu erzählen und Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Dazu ist DasKlärwerk eine sehr sehenswerte Rarität, es ist eines der ersten Klärwerke. Der besondere Bann, der jeden Besucher beim Betreten der Klärhalle fesselt, liegt vielleicht in der Symmetrie, der Eleganz und Schönheit, es ist der Palast der Hygiene.

Aber die Gebäude sind auch in einen schlechten Zustand geraten. Nach Jahrzehnten Leerstand, Fehlnutzung, erneutem Leerstand ist viel zu tun. Wenn Sie uns helfen möchten: Kleine Spenden haben bei uns eine große Wirkung!

Themen

DasKlärwerk ist seit Jahrzehnten ausser Betrieb und wird in Zukunft durch neue Nutzungen erhalten und sinnvoll weiterverwendet werden. Das Klärwerk wird dabei für viele unterschiedliche Projekte und Aktivitäten zur Verfügung stehen, einige Themen haben wir schon herausgearbeitet:

Wassermuseum

DasKlärwerk als Wassermuseum erzählt die Geschichte der modernen Städte, aber auch über die Wichtigkeit der Versorgung mit Wasser und der Entsorgung des Abwassers.

https://www.watermuseums.net

DasKlärwerk ist ein Teil des globalen Netzwerks der Wassermuseen. Wir verpflichten uns dadurch zusammen mit dem UNESCO IPH-Programm einen Bildungsauftrag umzusetzen. Das Water-Heritage, also die Zusammenhänge der historischen Reinigungsanlage, nehmen wir in Krefeld als Ausgangspunkt, um den Menschen ihren Blick für eine Nachhaltige Zukunft zu schärfen.

Insbesondere die Ziele der Agenda 2030, darin z.B. Ziel-6 „sauberes Wasser und Sanitärversorgung für alle Menschen“ unterstützen wir aktiv mit der Widmung des historischen Ortes der Abwasserreinigung als Museum.

UNESCO Kampange THE WATER WE WANT

Das Gebäude befindet sich aktuell in der langjährigen Instandsetzung, dennoch sind immer Teilbereiche zugänglich und insbesondere als ausserschulischer Lernort haben wir bereits gute Erfahrungen sammeln können.

Zum Nachdenken: von 7.5Mrd Menschen haben rund 900.000 keinen Zugang zur geregelter Wasser- und Sanitärversorgung. Händewaschen um die Übertragung von Krankheiten zu verhindern ist dadurch oft unmöglich. Auch in Covid-19 Zeiten ist dies ein erhebliches Problem. Mehr dazu im ErKlärwerk

Mehr zur Kampange THE WATER WE WANT

Ein Ort der Industriekultur

DasKlärwerk ist ein ausserordentliches technisches Kulturdenkmal. Nicht nur seine überlieferte und ablesbare Funktionsweise ist eine spannende Geschichte, sondern ebenso die Architektur, aber genauso die Ingenieurkunst, welche zur besonders modernen Konstruktion und zur daraus erst möglichen Formgebung beitrug. Das Klärwerk liegt auf der Europäischen Route der Industriekultur ERIH.

Industriedenkmal Besichtigung:

DasKlärwerk kann auch während der laufenden Instandsetzung besichtigt werden. Dafür bieten wir Sonder-Führungen für Gruppen an. Einzelbesucher können Angebote der VHS-Krefeld nutzen. Mehr Informationen zur Besichtigung finden Sie hier: Besuch und Führungen

Langfristiges Ziel: Veranstaltungsstätte

Zukünftig muss DasKlärwerk – auch um seine Selbständigkeit und Unterhaltung nachhaltig zu ermöglichen eine Veranstaltungsstätte werden: mehr zum Thema Veranstaltungsstätte