Das Klärwerk

Im Rheinland bestimmt seit Urzeiten der Fluss die Landschaft, und damit die Geschicke der Menschen und die Entwicklung der Städte.

In der Industrialisierung boten Fabriken neue Arbeitsplätze, die Bevölkerung der Städte wuchs rasant. Doch die Lebensverhältnisse waren eng und eher schlecht.

Die Gesundheit wurde angegriffen, Epidemien zogen durch die engen Stadtviertel. Eine der wichtigsten und auch umstrittensten Fragen jener Zeit war:

Was macht die Menschen in den Städten krank? [+]

Und wenn man den Grund für Krankheitsübertragungen kennt, was kann man tun, um die Lebensverhältnisse in den Städten erheblich zu verbessern?

Städtische Infrastruktur
Frisches sicheres Wasser, bessere Ernährung, mehr Wohnraum waren einige der Lösungsansätze. Vor allem aber war ein gigantisches Projekt erforderlich: die Erschaffung einer geregelten Kanalisation [+]. Hunderte Kilometer Abwasserkanäle sind so im Untergrund der Städte entstanden, eine ganze Welt für sich, das erste gebaute Netzwerk in der Menschheitsgeschichte. Heute ist dies für uns ganz selbstverständlich, denn das Netzwerk unter den Straßen ist fast unsichtbar. Mehr lesen

Abwasser
Wenn jenes Abwasser aus den Städten hinaus geschwemmt wird, verbessern sich die Lebensumstände im Inneren der urbanen Ballungsräume erheblich. Aber außerhalb der Städte kommen nun Belastungen ans Tageslicht, denn irgendwohin leitet das Kanalsystem die Abwässer ab. Und dort entstehen ganz neue Probleme.

Abwasserreinigung
Um zu verhindern dass Flüsse unansehnlich und der Schmutz den Menschen und der Umwelt flussab zu sehr schaden würde, wurden auf Anordnung der jeweiligen Regierungsbehörden seit 1880 in Deutschland die ersten Kläranlagen gebaut.

Die Abwässer wurden dort mechanisch gereinigt, in großen Absetzbecken durch Sedimantation, oder aber durch feine Sieb- und Rechenanlagen.

Reinigungsanlage
Die Stadt Krefeld erbaute das erste Klärwerk zwischen 1908-1909 und reinigte dort das Abwasser der Stadt vor der Einleitung in den Rhein.

Reinigungsanlage der Stadt Krefeld, Foto: Stadtarchiv Krefeld

Die Geschichte eines Klärwerks

ist immer auch die Geschichte seiner Stadt

Krefeld ist bekannt als Samt- und Seidenstadt und einer der Orte in Europa, der durch die Textilindustrie geprägt wurde und durch die Seide weltweit bekannt war.

In der Gegenwart ist Krefeld durch zwei Zentren geprägt, das kurkölnische am Rhein gelegene Uerdingen (Stadtrechte 1255) und die weit landeinwärts gelegene und bedeutend größer gewachsende Stadt Krefeld (1373 zur Stadt erhoben).

Bereits seit 1811 verband die beiden Städte eine durch französische Ingenieure unter Napoleonischer-Besatzung ausgebaute Verbindungsstraße, die schnell zu den meistbefahrenen Handelswegen in Europa gehörte.

Uerdingen hatte die Rolle der Handelsstadt, die das Hinterland und insbesondere Krefeld (aber auch Mönchengladbach, Viersen, Aachen, Belgien) über ihren natürlichen Umschlagplatz am Ufer des Rheins versorgte. Zudem war Uerdingen wichtiger Zollort und ein Standort der ersten industriellen Betriebe der Region, die Zuckerraffinerien.

Beide Städte sind insbesondere durch die beginnenden Krefelder Hafenplanungen um 1900, die intensiven Siedlungstätigkeiten und Eingemeindungen Krefelds (Linn 1901, Bockum 1907), den gleichzeitigen Mangel an Fläche und Wohnraum in Uerdingen, heute eng verbunden. Seit 1929 sind beide Städte auch formell vernetzt, erst als Sonderkonstrukt einer Stadtgemeinschaft, seit 1940 aber zwangsvereint.

Während Krefeld als ein Eisenbahnknoten mit der Ruhrort-Krefelder Eisenbahn 1849, schnell darauf mit weiteren Verbindungen von Köln, Aachen, Kleve, Paris, vor allem aber seine überragende Seidenindustrie eine überregionale und sogar internationale Bedeutung ausbauen konnte, entstanden in Uerdingen seit 1877 eine gewaltig wachsende Farbenfabrik, es wurden dort im Maschinenbau auch Dampfkessel und Trocknungsanlagen hergestellt, Öle und große Mengen an Spirituosen.

Erst vergleichsweise spät gegen 1880 begann in Krefeld die Mechanisierung der zuvor noch durch die Seidenweberei mit Handwebstühlen eher handwerklich geprägten Textilindustrie. Es entstanden in der Folge große industrielle Webereien mit Websälen in denen hunderte mit Dampfmaschinen angetriebene mechanische Webstühle standen, metallverarbeitende Zulieferbetriebe die diese neuartigen Webstühle herstellten, industrielle Färbereien die mit chemischen Farben arbeiteten.

Um 1900 siedelte sich bei Krefeld (in der damals noch bis 1929 eigenständigen Gemeinde Fischeln) Schwerindustrie an, ein ganzes Stahlwerk wurde gebaut. Dort und um die wachsenden Betriebe in der Stadt, wie Beispielhaft die Crefelder Baumwollspinnerei als einer der größten Arbeitgeber, entstand für die nun stark wachsende Arbeiterschaft ein hoher Bedarf für mehr Wohnraum. Neue Siedlungen wurden als Werkswohnungsbau, später durch Baugenossenschaften, letztendlich sogar durch die Stadt selbst gebaut.

Denn seit 1905 lockte der neue Rheinhafen Krefeld vor allem die Nahrungsmittelindustrie mit gleich mehreren Getreide- Großmühlen und deren zugehörige Silos an, aber auch Ölfabriken fanden am neu entstandenen Hafenbecken ein ideales Umfeld, ein modernes Hochofen-Stahlwerk entstand dort ebenso, eine Seifenfabrik war einer der ersten Betriebe am Hafen.

All diese Industriebetriebe und die hohe Einwohneranzahl (um 1900 rund 100.000) erzeugten folglich hohe Mengen an Abwasser. Ein Abwasserkanal aus der Stadt zum Rhein war bereits 1874 gebaut worden, aber die Abwässer der Stadt und der Gewerbe mussten nun auf Anordnung der Regierung auch gereinigt werden.

Die Stadt Krefeld plante drauf hin eine Reinigungsanlage, die 1910 in Betrieb ging. Das Krefelder Klärwerk wurde als eine moderne großtechnische Anlage erbaut, verwendet wurde der damals noch neuartige Baustoff Beton, der der Reinigungsanlage eine vollkommen neue Formgebung im Jugendstil erst ermöglichte. Gereinigt wurde das Abwasser in der Klärhalle mittels feiner Rechen, ein Hochwasser-Pumpwerk in einer weiteren Halle ergänzt die Funktion.

Das Klärwerk wurde dabei für eine rund dreifach größere Bevölkerungszahl ausgelegt, der Zusammenhang war der benachbarte und kurz zuvor entstandene Rheinhafen. Dieser sollte der Ausgangspunkt für ein internationales Kanalprojekt werden, den Rhein-Maas-Schelde Kanal von Krefeld bis ans Meer nach Antwerpen in Belgien. Dies hätte eine enorme Attraktivitätssteigerung und noch mehr Industriebetriebe und Ansiedlungen ergeben, die in höchster Baukultur erschaffene Kläranlage war in ihrer Dimension und detailreichen und durchdachten Ausführung bereits darauf ausgerichtet, der Kanal wurde aber nie gebaut.

Hohe Baukultur setzte sich in Krefeld dennoch fort, denn der später weltberühmt gewordene Architekt Mies van der Rohe wurde in Krefeld mehrfach tätig, und sollte danach nicht nur im Bauhaus Geschichte schreiben, sondern den „internationalen Architekturstil“ mit prägen. In Krefeld erbaute er, nach zwei Villen für die Seidenindustriellen des international führenden Seiden-Konzerns Verseidag, für diese auch seine weltweit einzige Fabrik.

Nachdem im Dritten Reich die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, auch mit Hilfe einiger Krefelder Industrieller durch Arisierungen, Mord und Deportation ihre grausamen Spuren in der Stadt bei der jüdischen Bevölkerung hinterlassen hatten – mehr zu diesem Kapitel der Stadtgeschichte in der NS-Dokumentationsstätte Villa Merländer – wurde am Ende des zweiten Weltkriegs die Bombardierung der Stadt durch die Alliierten ein einschneidendes Erlebnis.

Nicht nur die halbe und ehemals ausserordentlich bemerkenswerte Innenstadt Krefelds war in Schutt und Asche gelegte, tausende Menschen hatten ihr Leben verloren. In Uerdingen sprengten deutsche Truppen auf dem Rückzug die fast noch neue Rheinbrücke, bevor amerikanische Panzer sie überqueren konnten.

Die Nachkriegszeit war durch enormen Wohnungsmangel und ankommende Flüchtlingsströme geprägt, Notsiedlungen entstanden, erst das Wirtschaftswunder brachte Konsum, eine Flut von Eigenheim-Siedlungen um die Stadt, und damit eine automobile Ausrichtung mit sich.

Die Industrie, ob Textil, Metall oder Chemie, erholte sich zusehends, der Wohlstand kam langsam zurück. Allerdings damit auch einige Umwelt- Planungs- und bis heute ungelöste Verkehrsprobleme. Eine Großsiedlung (Gartenstadt / Elfrath) entstand als Beispiel eines Satelliten weit draußen auf der grünen Wiese.

Der Mangel an Kläranlagen der Industriebetriebe entlang des Rheins führten zu einer unglaublichen Umweltbelastung des Flusses, das nunmehr vollkommen veraltete Krefelder Klärwerk wurde zudem 1962 abgeschaltet, ohne einen funktionierenden Ersatz zu haben.

Lange Jahre stand dann die alte Anlage leer, bis endlich 1980 das zweite und neue Krefelder Klärwerk seinen Betrieb aufnahm. Die alte erste Anlage wurde unter Denkmalschutz gestellt und als Abwasser-Pumpstation zum neuen Klärwerk wieder in Dienst gestellt. Dies wiederum führte durch biogene Schwefelsäure im nun stärker auch industriell belasteten Abwasser zu großen Schäden am Baudenkmal.

Um 2000 stoppte man diese neue Nutzung und das Klärwerk verkam in seinem Stillstand und bedenklich schlechten Zustand zu einem international bekannten „lost place“.

Seit dem Jahr 2018 ist es in Privatbesitz gewechselt und wird als technisches Industriedenkmal erhalten und die Originalsubstanz schonend instand gesetzt.

Dokus zum Klärwerk und der Stadt:


Wasser


Wasser ist unsere einzigartige aber auch begrenzte Ressource. Es ist die Grundlage des Lebens, von Gesellschaften und Volkswirtschaften.

Zustand der Wasserressourcen

Der derzeitige Zustand der Wasserressourcen ist weltweit bekanntermaßen sehr angespannt. Der Umgang mit der Resource Wasser muss also besser werden. Dazu muss der Wert von Wasser erforscht, gemessen und bekannt gemacht werden. Denn nur so können gute politische Entscheidungen getroffen werden, und die Wasserressourcen nachhaltig und gerecht bewirtschaftet werden.

Die Werte von Wasser

Im Gegensatz zu den meisten anderen wertvollen Ressourcen hat es sich aber als äußerst schwierig erwiesen, den wahren „Wert“ von Wasser zu bestimmen.

Aber ohne eine Bewertung können wir Wasser gar nicht genug wertschätzen.

Die Bewertung und der Wert unterscheiden sich stark, je nach Nutzer- und Interessengruppen, aber auch zwischen den einzelnen Verwendungen von Wasser.

Wofür verwenden wir Wasser?

als Trinkwasser
für die Hygiene
für die Wirtschaft
für die Umwelt
als kulturellen Wert
als regenerative Energie

Global gesehen: wie steht es denn da um unser Wasser?

20% des Abwassers wird gereinigt.
80% wird ohne Klärung in die Flüsse oder das Meer eingeleitet.
2,4 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu Toiletten.

Mehr lesen:

Wasser Kulturerbe, das Klärwerk

Nur eine Kathedrale aus Rost. Oder: Wie wichtig sind eigentlich solche Hinterlassenschaften der Moderne?

Oder: Seit wann gibt es eigentlich Umweltschutz? Was bedeutet Stadt-Hygiene? Seit wann wissen wir um Bakterien, Viren, Pandemie? Warum hat der damals neue Baustoff Beton damals so schon ausgesehen? Was ist Baukunst überhaupt? Wieso ist Jugendstil untergegangen? Warum hat der Klimawandel mit der Industrialisierung zu tun?

Müssen wir uns heute überhaupt noch an die kulturellen wie technologischen Hochphase vor und zwischen den Weltkriegen erinnern? Dient Erinnerungskultur auch für nachhaltige Entscheidungen heute? Was ist mit unserer Demokratie?


DasKlärwerk ist nun ein Ort, um von Industriekulturs, Wassergeschichten, Nachhaltigkeit, Klimawandel zu erzählen und die Zusammenhänge erlebbar zu machen.

Themen


Wassermuseum

DasKlärwerk erzählt die Geschichte der modernen Städte, aber auch über die Wichtigkeit der Versorgung mit Wasser und der Entsorgung des Abwassers.

https://www.watermuseums.net

DasKlärwerk ist ein Teil des globalen Netzwerks der Wassermuseen. Wir verpflichten uns dadurch zusammen mit dem UNESCO IPH-Programm einen Bildungsauftrag umzusetzen. Das Water-Heritage, also die Zusammenhänge der historischen Reinigungsanlage, nehmen wir in Krefeld als Ausgangspunkt, um den Menschen ihren Blick für eine Nachhaltige Zukunft zu schärfen.

Insbesondere die Ziele der Agenda 2030, darin z.B. Ziel-6 „sauberes Wasser und Sanitärversorgung für alle Menschen“ unterstützen wir aktiv mit der Widmung des historischen Ortes der Abwasserreinigung als Museum.

Das Gebäude befindet sich aktuell in der langjährigen Instandsetzung, dennoch sind immer Teilbereiche zugänglich und insbesondere als ausserschulischer Lernort haben wir bereits gute Erfahrungen sammeln können.

Schauplatz der Industriekultur

DasKlärwerk ist ein ausserordentliches technisches Kulturdenkmal. Nicht nur seine überlieferte und ablesbare Funktionsweise ist eine spannende Geschichte, sondern ebenso die Architektur, aber genauso die Ingenieurkunst, welche zur besonders modernen Konstruktion und zur daraus erst möglichen Formgebung beitrug. Das Klärwerk liegt auf der Europäischen Route der Industriekultur ERIH.

Besichtigen kann man das Klärwerk zu ausgesuchte Besuchsterminen oder bei Führungen für Gruppen. Einzelbesucher können zudem Angebote der VHS-Krefeld nutzen. Mehr Informationen zur Besichtigung finden Sie hier: Besuch und Führungen

Veranstaltungsstätte

Zukünftig wird DasKlärwerk als Veranstaltungsstätte genutzt werden können:
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