Industriekultur

Die historische Kläranlage ist eines der erhaltenen Zeugnisse der Stadthygiene, aus der Zeit der brennenden Fragen, die sich aus dem enormen Wachstum der Städte während der Industrialisierung Europas am Ende des 19. Jahrhunderts ergaben.  

Das Klärwerk ist erstaunlicherweise fast ganz und unverändert erhalten und kann spannende Geschichten aus den vergangenen 111 Jahren der Stadthygiene und darüber hinaus erzählen:

  • zur Industrialisierung und den Auswirkungen auf das Leben in der Stadt
  • der Wiedererfindung der Kanalisation, dem ersten Netzwerk einer Stadt
  • zu Auseinandersetzungen mit benachbarten Gemeinden um die Abwässer Krefelds
  • zur Bekämpfung von Seuchen wie Cholera und Typhus
  • zur „Städtereinigungsfrage“, dem damals hoch umstrittenen Anschluss der heute so selbstverständlichen Sanitären-Einrichtungen an die Kanäle
  • der Suche nach Lösungen wie mit steigenden Mengen Abwasser und der Selbstreinigung der Flüsse umzugehen sei
  • der Auseinandersetzung von Kommunen mit den Regierungen um die Abwasser-Reinigungsfrage
  • und (gar nicht zuletzt) vieles zu frühen Umweltschutz- Bemühungen 

Aber das Klärwerk ist nicht nur ein geschichtsträchtiger Ort. Sie ist auch ein brillant erdachtes und kunstvoll errichtetes Gebäude des Jugendstils, mit ersten Anklängen an die sachliche Moderne, recht ungewöhnlich für einen Ingenieurbau und erst recht für einen der  Stadthygiene.

Der Begriff Industriekultur bezeichnet die Beschäftigung mit der gesamten Kulturgeschichte des industriellen Zeitalters. Das Klärwerk gehört zu den herausragenden Ankerpunkten der Industriekultur, denn es spielte eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung der Stadt Krefeld, inmitten der geografischen Region Niederrhein, als eine industrielle Kulturlandschaft.

Dennoch ist das Klärwerk in einem „Entwicklungsland“ beheimatet und es zeigt sich ein großer Aufholbedarf. Es ist weitab aller industriekulturellen Netzwerke und bestehender Routen durch das Bundesland-NRW.

Der mittlere Niederrhein spielte im protoindustriellen-, wie auch im industriellen Zeitalter und bis heute eine wirtschaftlich überregionale Rolle. Heute ist statt der Seiden- und Tuchindustrie nicht nur die herausragende chemische Industrie am Standort Mittlerer Niederrhein zuhause, sondern eine ausserordentliche Vielzahl von über 78.000 Unternehmen in allen Wirtschaftsbereichen. Siehe IHK-Mittlerer Niederrhein. Deren Tradition und Geschichte ist vernetzt mit der Entwicklung der Region, ihrer industriellen Herkunft.

Für die lokalen- und regionalen Entscheider ist vielleicht eine der Studien zu den ökonomischen Effekten der Route der Industriekultur nicht nur lesenswert, sie zeigt auch deutlich auf, dass am mittleren Niederrhein – als eine der Wiegen der Industrialisierung des Landes Nordrhein Westfalen – diese geschichtsträchtige industrielle Landschaft zwar ein sehr hohes Potential hat, dies aber industriekulturell bisher nicht abgerufen wird.

Das Problem einer am mittleren Niederrhein und insbesondere in Krefeld noch nicht entwickelten ernsthaften Route der Industriekultur, zeigt sich in den Besucherzahlen der Region, der touristischer Unterentwicklung und einer industriekulturellen Orientierungslosigkeit der eigenen Bevölkerung. In Planung befindliche Routen wie die EuroVelo of Industrial Heritage überspringen die Region daher auch mangels Struktur vollständig.

Wir arbeiten im Klärwerk, als einer der potentiellen Ankerpunkte für Industriekultur in der Region verstärkt daran, ein Bewusstsein für dieses interessante und zukunftsträchtige Thema zu entwickeln.

Daher ist das Klärwerk bereits eine der Stationen der ERIH, Route of industrial Heritage und Mitglied im Förderverein Rheinische Industriekultur e.V.