Über Dachform, Dachdecker, Ziegel

Die Dacheindeckung des Betriebsleiterwohnhauses ist stark beschädigt und diese können wir nicht mal eben selber reparieren. Aber dennoch interessieren wir uns natürlich sehr für die Materialien, die hier verwendet werden und welche Funktionalität und Besonderheiten sie haben. Dazu habe ich (Johanna vom Klärwerk) die Handwerker, die sich viel Mühe mit dem Dach geben, gefragt ob sie mir in einem kleinen Interview ein paar Fragen zu den Materialien beantworten könnten. Glücklicherweise waren sie einverstanden:

Wenn man ein ersten Blick auf das Betriebsleiterwohnhaus wirft, fällt einem tatsächlich als erstes das sehr große, nach obenhin spitz zu laufen Dach auf, welches von zwei Gauben, eins auf der Nord und eins aus der Südseite, geziert wird. Die Giebel besitzen zweiflügelige, querrechteckige Fensteröffnungen. An der Westseite über der Haustür ist ein symmetrisches, dreckeckiges Vordach. Dieser Risalit (aus dem italienischen „rislato“, welches „Vorsprung“ bedeutet, es handelt es sich also um einen Bauteil, das vor die eigentliche Fassade vorspringt) ist von einem Dreiecksgiebel gekrönt und wird ringsherum von einem flachen Gesimsstreifen eingerahmt.

Auf meine Frage, was das besondere an diesem Dach ist, erzählten die Handwerker, dass das Dach ein altes Walmdach sei, was in Kombination mit den Gauben viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Übrigens, Gauben sind die Vorbauten mit den Fenstern, oben auf den seitlichen Dachflächen.

Das Walmdach ist jedenfalls die älteste Dachform in der Architektur, es ist trapezförmig aufgebaut. Alle vier Dachseiten sind dreieckig und laufen noch oben hin mittig spitz zusammen. Vergleicht man die Fläche des Daches mit der Fläche des Dachbodens, stellt man fest, dass die Fläche des Daches deutlich größer ist. Dies ist ein weiters besonderes Merkmal des Walmdaches.

Schaut man genau hin, sieht man unter den Dachpfannen des noch nicht fertig gedecktem Dachs eine Holzschicht. Ich wollte natürlich auch da wissen, welche Funktion diese hat. Die Dachdecker erklärten mir, dass dies spezielle Platten seien, welche aus Faserholz besteht. Diese Platten haben die Eigenschaft den Schall, sowie auch Wärme zu dämmen und zusätzlich sind sie einige Zeit lang wasserabweisend.

Doch natürlich besteht ein Dach nicht einfach nur aus Gauben und Holzplatten.  Daher werden auf unserm Dach momentan fleißig die Dachpfannen von den Dachdeckern angebracht. Da das Gebäude dem Erscheinungsbild aus früheren Jahren so nahe wie möglich sein soll, werden hierbei schwarze Tonziegel verwendet, welche besonders bei Altbauten, wozu auch das Betriebsleiterwerkshaus gehört, verwendete werden. Sie bestehen zu 40 bis 60% aus rotem Ton, welche anschließend schwarz lackiert werden, bevor sie auf dem Dach angebracht werden.

Doch was für eine Ziegelform wird für die Sanierung des Daches verwendet? Es werden Hohlfalz- Ziegel, oder auch H 15 genannt, verwendet. Diese Art Ziegel ist besonders geeignet für geschwungene Dachflächen und zudem sind sie wasserundurchlässig, frostbeständig, sowie atmungsaktiv. 

Auf meine Frage, was diese Ziegel von anderen unterscheidet, erklärten mir die Dachdecker, dass diese Ziegel höher geneigt sind als andere Dachziegel. Diese breite Mulde, die die Dachziegel ausmachen und sie aussehenden lässt, wie kleine Wellen, ist charakteristisch für die traditionelle Dachgestaltung. Andere Ziegel dagegen haben eine deutlich weniger ausgeprägte oder auch keine Mulde. Oftmals werden Dachziegel für Denkmäler auf das Haus abgestimmt in Form und Farbe, weshalb sich die Dachziegel auch oft von Denkmal zu Denkmal leicht unterschiedlich aussehen.

Auf meine Frage, ob sie oft Denkmäler sanieren, und ob dies mehr Spaß macht als die Dächer von moderneren Häusern zu decken, antworteten mir die Handwerker, dass sie zwar viele Dächer von Denkmälern decken, jedoch jede Art von Dach gleichwertig spaßig zu decken sei.

das neu eingedeckte Dach

Praktische Denkmalpflege: Holzfenster

Das Klärwerk wird aufwändig repariert, zur Zeit ist das Betriebsleiterwohnhaus des Klärwerks in Arbeit. Dacheindeckung, Decken, Fußböden, Fensterläden und Fenster sind in Mitleidenschaft gezogen worden und müssen fachgerecht bearbeitet werden.

Besonders aufwändig sind dabei die Holzfenster. Das Gebäude hatte vor rund 100 Jahren natürlich keines der heute üblichen „Plastikfenster“ erhalten, sondern es wurden Holzfester eingesetzt. Die Lebensdauer solcher Fenster ist bei einsprechender Pflege annähernd ewig, aber nur wenn sie gepflegt werden.

Und wenn keine Fehler gemacht wurden.

Denn seit nun über sechzig Jahren werden fast alle historischen Holzfenster falsch behandelt. Wie aber kam es dazu?

Vom 15. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren Leinöl und Leinölfarbe die perfekte Möglichkeit, Fenster vor der Verwitterung zu schützen. Jedoch wurde die Nutzung von Leinöl nach dem zweiten Weltkrieg durch „schnelltrocknende Beschichtungen“ ersetzt.

Erst am Ende des 20. Jahrhundert wurde diese Methode von Fensterhandwerkern wieder von Schweden nach Deutschland zurückgebracht.

Doch was ist Leinöl überhaupt genau?

Leinöl wird aus Leinsamen gewonnen, ja genau aus den selben Leinsamen die auch gegessen oder zum Kochen benutzt werden.

Bei der Gewinnung von Leinöl werden Leinsamen kalt gepresst und anschließend einige Stunden erhitzt und mit Sauerstoff angereichert. Doch um aus dem nun gewonnen Leinöl auch Leinölfarbe zu machen, ist natürlich noch ein weitere Schritt nötig. Hierbei wird in das bereits vorhandene Leinöl Farbpigmente von zum Beispiel Erdfarben hinzugefügt. Dabei wird darauf geachtet, dass keine schichtbildenen Harze oder Lösemittel der Leinölfarbe hinzugefügt werden.

Aber was macht Leinöl jetzt so besonders und wie unterscheidet es sich von anderen Farben?

Leinöl ist das einzige traditionelle Material zu Fensterpflege was keine Schicht bildet. Es zieht tief in die Holzrahmen ein und konserviert das Holz, wobei die Holzporen ausgefüllt werden. Dadurch ist eine nahe zu unberenzte Erhaltung der Fensterrahmen möglich und es bietet einen dauerhaften Wetterschutz.

Zudem ist Leinöl keine Beschichtung, wie man es vielleicht am Anfang vermutet. Das Leinöl zieh in das Holz ein und schützt es von innen heraus, dagegen wird eine Beschichtung auf das Holz aufgetragen, welche nicht in das Holz einzieht. Zudem enthalten schichtbildene Farben oftmals Harze oder Lösemittel, wobei bei Leinöl drauf verzichtete wird.

Beide Methoden sollen zwar das Holz schützen, jedoch kann die Beschichtung durch verschiedene Wettergegebenheiten porös werden und reissen, wodurch Feuchtigkeit in das Holz eindringen kann. Dies kann dagegen bei Leinöl nicht passieren, da dieses das Holz von innen heraus schützt. Sollten die Rahmen matt werden, kann man sie einfach erneut mit Leinöl einstreichen.

Heute versucht man traditionelle Fenster wieder zu reparieren, was jedoch nicht leicht und zeitaufwendig ist. Oftmals sind die Fenster durch Beschichtungen, Säuren oder Laugen beschädigt. Auch kommen manchmal noch Probleme wie Schimmel oder schlechte Isolation hinzu. Auch wir haben uns an die Arbeit gemacht, um die Fenster des Betriebsleiterwohnhaus zu sanieren.

Nachdem wir alle Fensterrahmen ausgebaut haben, muss die alte Beschichtung auf den Fenstern herunter gekratzt werden, wobei diese stark erhitzt werden muss, um sie zu entfernen. Dabei muss man besonders darauf achten, dass man durch die Hitze die Scheiben nicht versehentlich zum platzen bringt und ebenso wie man darauf achten muss, dass man nicht versehentlich die Fensterrahmen anbrennt.

Wenn die komplette Beschichtung abgekratzt ist, müssen die Holzrahmen von allen Seiten mindesten einmal oder auch zweimal mit Leinöl bestrichen werden. Nachdem alles getrocknet ist, beginnt man die Rahmen mit Leinölfarbe zu bestreichen. Wir haben uns in für ein creme weiß entschieden, allerdings gibt es natürlich auch noch viel andere Farbtöne.

Man benötigt definitiv mehr als nur einen Anstrich, da die Farbe nicht deckend genug ist, als dass sie schon beim ersten Anstrich die Farbe des Holzes schön abdeckt und keine Pinselübergänge mehr zu sehen sind.

Auf Grund der langen Zeit, die das Leinöl und auch die Farbe benötigt, um zu trocknen, ist der ganze Prozess ziemlich zeitaufwenig. Grundsätzlich müssen wir die frisch bestrichenen Rahmen im Durchschnitt einen Tag trocknen lassen, ehe wir mit der nächsten Schicht Leinöl oder Farbe weitermachen können.

Hauptsache es ist schön

Dieser geniale Spruch steht über dem Tor der Klärhalle. Jeder Besucher fragt uns, ob wir das daran geschrieben haben?
Nein, es waren Künstler aus Krefeld, die das Klärwerk, grob zwischen den Jahren 1980 und 2000 umgenutzt hatten.
Wechselnde Künstler aus dem Bereich des Keramik-Designs bis zu Glaskunst hatten im Klärwerk sowohl ihre Wirkungsstätte, es wurden aber weit über Krefeld hinaus beachtete Ausstellungen veranstaltet und einige richtig gute Partys.

Der Name einer der letzten Künstlergruppen war „Klärwerk Keramik“. Antje Schwittmann-Schops und Rieke Hartwig waren Klärwerk-Keramik und sind heute das Atelier-Feuerfest. Hier ist der aktuelle Blick hinter die Kulissen, auch mit Masken…

Hauptsache es ist schön

Eines der Zeugnisse aus der Zeit der Künstler im Klärwerk ist dieses weitere tolle Fundstück mit Uwe Winkler von den „Klärwerkern“, der ersten Generation der Künstler:

Gute Nachricht fürs Klärwerk

Der Erhalt und die Sanierung des historischen Klärwerks sowie des Stadtbads I an der Neusser Straße wird durch das Engagement der vier Bundestagsabgeordneten Krefelds, Kerstin Radomski, Ulle Schauws, Otto Fricke und Ansgar Heveling mit Bundesmitteln des BKM gefördert.

Im Klärwerk wird damit, neben wesentlichen Vorarbeiten in der Halle, insbesondere die Sanierung des Betontragwerks in der Klärhalle begonnen werden können. Zur Zeit laufen bereits – durch die Denkmalförderung des Landes NRW unterstützte erste Maßnahmen der Instandsetzung und des Substanzerhaltes am nebenan gelegenen historischen Betriebsleiterwohnhaus auf dem Klärwerkgelände und der kleineren Maschinenhalle. Die Bundesförderung ermöglicht darüber hinaus die Inangriffnahme des Erhalts der einzigartigen Klärhalle, dem Palast der Hygiene.

Genaue Informationen zum Erhaltungskonzept und den anstehenden Arbeiten können gern auch vor Ort, bei den – in Kürze – wieder stattfindenden Besichtigungsmöglichkeiten auf der Baustelle des Industriemuseums, erlebt werden. Wir arbeiten bereits am Hygiene- und Baustellen-Besuchskonzept.

Wir freuen
uns sehr!

Foto: awi-design.de

Was ist „Made in Krefeld“ ?

Kunst und Kultur sind – gerade in schwierigen Zeiten – ein wichtiger Beitrag für unsere Gesellschaft. Gerade auch in Krefeld. Für unsere angespannten Gemüter.

Engagierte Krefelder Bürger hatten, mit Unterstützung ihrer eigenen KMU, einen aussergewöhnlichen Live Kulturabend organisiert, der natürlich „kontaktlos“ und werbefrei ins Netz gestreamt wurde.

Das „Krefelder“ Team bestand aus dem Musiker Michael-C-Kent, Krähennest-TV mit Kommuniaktionsprofi Peter Lengwenings und Filmproduzent Rudi Dembach, mit Unterstützung von Kawai Deutschland die einen ihrer fantastischen Konzertflügel ins Klärwerk transportierten, den Jungs von Ilbertz Veranstaltungstechnik die für die mystische Beleuchtung sorgten und Christoph Becker, dem Leiter des historischen Klärwerks.

Der Krefelder Fotograf Andreas Willems von AWI-Design hat einige hervorragende Fotos gemacht, die wir gerne hier zeigen:

Das Konzert kann natürlich jederzeit hier nochmals gesehen werden:

Bleibt gesund!

Barpiano Live Abend aus dem Klärwerk

Am Freitag, 17. April, verwandelt sich das leerstehende Klärwerk am Rundweg in eine virtuelle Pianobar: Ab 20:30 Uhr wird dort der Krefelder Musiker und Sänger Michael C. Kent im Stil eines Bar-Pianisten für rund 2 Stunden musizieren. 

live stream ab 20:30Uhr

Covid-19 und der Klimawandel, oder: globale Krisen

Soziale Sicherheit und Gerechtigkeit, die Bewahrung unseres Lebensraums auf dem Planeten, das sind die wichtigsten Ziele, die die Menschheit verfolgen muss.

Bis zum Ausbruch der Corona-Virus Pandemie, waren staatliche Interventionen – in einem so großem Stil wie nun geschehen – keine Lösungsansätze. Stattdessen wurde angenommen, dass der „Markt“ als Problemlöser am besten funktionieren würden. Der Begriff des „Gemeinwohls“ wurde in vielen Lebensbereichen durch den starken Wunsch „Gewinne“ zu erzielen, ersetzt.

Nun aber verbreitet sich das Virus, Regierungen geben in Tagen Billionen aus, Menschen müssen sich einschränken, alles für das Gemeinwohl.

Die gemeinschaftliche Aufgabe besteht nun nicht nur darin, den Virus zu bekämpfen, um danach wieder wie gewohnt weiter zu arbeiten. Das Ziel muss es nun sein, zusammen die sich zunehmend global ausbreitenden Krisen zu bekämpfen, aber dabei nicht zu vergessen, unser Zusammenleben und unsere Gesellschaft dabei humaner, nachhaltiger und sicherer zu gestalten.

Vergleich beider Krisen: Covid-19 und Klimawandel

  1. Beide Krisen erfordern ein hohes Maß an internationaler Zusammenarbeit.
  2. Beide erfordern von der gesamten Menschheit Verhaltensänderungen.
  3. Beide wurden von vielen Wissenschaftlern, schon für sehr lange Zeit, auch mit großer Wahrscheinlichkeit vorhergesagt.
  4. Beide wurden von den Regierungen vernachlässigt, Wachstumszahlen waren wichtiger.
  5. Beide verlangen nach drastischen Maßnahmen.
  6. Bei beiden Krisen werden Teile des Marktes mit wirtschaftlichen Sanktionen belegt werden müssen
  7. Und nicht zuletzt, beide Krisen werden enorme staatliche Investitionen erfordern

Coronavirus ist aktuell, ist für jeden Einzelnen fühlbar. Die langfristigen Auswirkungen sind noch nicht abzuschätzen. Aber der drohende Abbau von bisher bereits zu schwachen Regeln und Initiativen zum Klimaschutz, der drohenden Schwächung des Schutzes – sozial Geschwächter, – um das Überleben kämpfender Menschen, muss nun genauso entschieden entgegen gewirkt werden.

Optimistisch betrachtet haben wir nun die Chance, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Denn unsere Probleme sind global.

weiter zum

Über die letzte Führung durchs Klärwerk, beim Ausbruch der Covid-19 Pandemie

Am Sonntag, dem 15.März 2020, fand die vorerst letze Führung durch das historische Klärwerk statt. Für den Termin in Zusammenarbeit mit der VHS Krefeld waren alle Plätze ausgebucht und ich, Christoph Becker als einer der Eigentümer, fuhr sehr nachdenklich zum Klärwerk. Sollten überhaupt noch Menschen kommen? Kann ich aus Sicherheitsgründen die Führung noch stattfinden lassen? Andererseits freute ich mich auf „ein letztes mal“ öffentlicher Kultur in Krefeld..

Die Auswirkungen der Epidemie waren an diesem Sonntag bereits zu spüren, der Schulbetrieb sollte ab Montag eingestellt werden, unser aller Leben began sich in immer rascherer Folge zu ändern. Ich beschloss mein „normales“ Programm der Führung durch das Haus grundlegend zu ändern. Einerseits musste ich für Vorsichtsmaßnahmen für mich und die Besucher sorgen: deutlich größerer Abstand untereinander.

Und ich wollte meine Kraft als Historiker nutzen. Den Vortrag begann ich daher mit den Themen Epidemie und Pandemie. Genauer gesagt mit der Cholera . Denn diese Infektionskrankheit breitete sich als Pandemie in den Städten der Welt des 19. Jahrhunderts aus, forderte ungezählte Tote.

Mehr zur Cholera im ER-KLÄRWERK

Feedback zur letzten Sonntagsführung im Klärwerk:

wir hatten gestern die o.g. Führung und ich muss Ihnen sagen, wir waren total begeistert. 

Wirklich so ein wichtiges Thema*, gerade in der aktuellen Zeit und so wunderbar kompetent, kurzweilig, interessant in Bezug auf soviele verbundene Themen (seltene Architektur, Auswirkung auf Gesundheit der Bevölkerung, Geschichte, Verbindungen etc.) von Hr. Christoph Becker dar gebracht. Wir sind immer noch total beeindruckt und so ging es wahrscheinlich allen Teilnehmern, weil irgendwie wollte keiner nach Hause und lauschte auch über die Zeit hinaus noch den Informationen. 

*Da in der Vergangenheit Kanalisation und Klärwerk gerade auf Basis von Epedemien, Pandemien und Seuchen verordnet/ eingerichtet wurden und was das für die Bevölkerung bedeutete und immer noch bedeutet. 

Wir können wirklich nur hoffen, dass Hr. Becker und sein Team, die Idee von einem einzigartigen Museum (wo bereits internationales Interesse gezeigt wird) zu diesem Thema verwirklichen kann und das er alle erdenklich Unterstützung (u.a. Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel etc.) von Seiten der Stadt Krefeld bekommt, die Hürden beseitigen und Steine gar nicht erst in den Weg rollt. Wir können nur hoffen, dass er & sein Team ja nicht die Energie verliert um so etwas emens wichtiges zu schaffen, was die Bevölkerung informiert und z. B. auch als tolle Eventlocation dienen kann (Industrie-Architektur). 

Das wollte ich Ihnen als unser Feedback zu dieser Führung gerne geben, vielleicht können Sie es an entsprechender Stelle weiterleiten. 

Herzlichen Dank 
Mit freundlichen Grüßen 
XXX

40. Geburtstag des Denkmalschutzgesetzes in Nordrhein Westfalen

Heute feiern wir einen besonderen Tag, es ist einerseits der 40. Geburtstag des Denkmalschutzgesetzes des Landes Nordrhein-Westfalen. Dazu muss man wissen: Nordrhein-Westfalen war das letzte der alten Bundesländer, das ein Denkmalschutzgesetz entwickelte.  Umso wichtiger ist es, sich an diesen Tag zu erinnern. Denn Denkmalschutz ist nichts rückgewandtes, sondern schaut in die Zukunft. Denkmäler wie das Klärwerk müssen erhalten werden, sie machen unsere Geschichte erlebbar und ablesbar.

Sehr zu begrüßen ist in diesem Zusammenhang die Erhöhung der Mittel, die für den Denkmalschutz zur Verfügung gestellt wurden.

Der zweite Grund zum Feiern ist, dass das Klärwerk bei der Denkmalförderung des Landes Nordrhein-Westfalen für das Jahr 2020 berücksichtigt wird. Dringend notwendige Maßnahmen wie Dachreparaturen, Fensterabdichtung können nun begonnen werden. Juchu!

Hier der Link zur Pressemitteilung der Landesregierung

Was tut sich im Klärwerk?

Denkmalförderung

Das Klärwerk bereitet zur Zeit mit Hilfe und Unterstützung der Bundestagsabgeordneten Krefelds, Ulle Schauws, Kerstin Radomski, Otto Fricke und Ansgar Heveling einen Antrag für eine Denkmalförderung durch die Bundesregierung, Staatsministerin für Kultur und Medien vor, die hoffentlich durch unser Bundesland Nordrhein-Westfalen ebenso gefördert wird.

Obwohl das Klärwerk als ein herausragendes Industriedenkmal gar nicht so groß ist, wie unsere ebenso faszinierenden Zechen, Stahlwerke oder Kokereien, gibt es einige kritische Schäden an der Eisenbeton- Substanz, die dringen saniert werden müssen. Die Antragsunterlagen sind dabei recht umfangreich und die Materie ist kompliziert und muss durch Gutachten und Fachexpertise flankiert werden:

Große Hilfe dabei ist Prof. Dr. Jürgen Schram der Fachhochschule Niederrhein und seine ausserordentliche Chemie- Expertise. Ausserdem vielen Dank dem beratenden Dipl.-Ing. Wilfried Hackenbroch vom IDN Ingenieurbüro, der unteren Denkmalbehörde der Stadt Krefeld, dem LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, unserer Dipl. Ing. Architektin Betina Böhmer.

Einbrüche

Leider ist in das Klärwerk in letzter Zeit wiederholt eingebrochen worden, durch URBEXer und durch „Sprayer“. Bei den Einbrüchen sind Schäden in Höhe von mehreren tausend Euro verursacht worden. Die Kriminalpolizei Krefeld ermittelt.

Konstruktion und Form

Die Breslauer Markthallen // das Krefelder Klärwerk

Die 1908 entstandenen Hala Targowa, die Markthallen I und II in Breslau, waren schon zur Entstehungszeit 1908 viel zitierte Referenzbauten des damals neuartigen Baustoffs Eisenbeton. Sie zählen zu den ersten Stahlbetonbauten Deutschlands. Siehe https://core.ac.uk/download/pdf/33434009.pdf

Da die Markthallen aufgrund ihres Tragwerks einige augenscheinliche Ähnlichkeiten zum Klärwerk haben, zudem die Gebäude annähernd zeitgleich errichtet wurden, wird hier die Frage beleuchtet, wie das Krefelder Klärwerk im Kontext zu diesen Bauten zu sehen sein kann. 

VergleichMarkthallen in BreslauCrefelder Reinigungsanlage
TragwerkplanungStahl, später in Eisenbeton geändertEisenbeton
Bauzeit1906 bis 19081908-1909
konstruktives SystemDie äussere Hülle bildet kein konstruktives System mit dem inneren Tragwerk aus EisenbetonDie gesamte Konstruktion, das Fundament, die Wände, das Tragwerk sind ein konstruktives System aus Eisenbeton.
Vergleich der Konstruktionen

Das Tragwerk der Breslauer Markthallen wurde als Eisen-Konstruktion geplant. Erst nach der Fertigstellung des Fundamentes, während der Bauphase, wurde das Tragwerk in eine Eisenbeton-Konstruktion umgeändert. Der Grund für den Investor war wohl: „geringere Bau- und Erhaltungskosten und gefälligeres Aussehen“. Die Fassade aber blieb gleich, neugotischer Backstein kam zur Anwendung.

Historisch betrachtet war Eisenbeton als Tragwerk zwar eine völlig neue Bauweise für die eine neuartige und eigenständige Technologie entwickelt wurde, aber er war dennoch zuerst tradierten Begriffen von Architektur und Konstruktion unterworfen, die nur in die Gegenwart übertragen wurden. 

Exemplarisch galt für die Markthallen: sie nutzten innen die Vorzüge des neuen Materials, blieben aber, von aussen betrachtet, in der gewohnten Hülle aus traditionellen Materialien (Backsteinfassade) und traditionellen Formen (Neogotik). Beim Eisenbeton-Tragwerk der Markthallen wurde bezeichnenderweise durch Bemalung eine genietete Stahlkonstruktion vorgetäuscht. 

Das Krefelder Klärwerk ist mit seiner monolithischen und vollständigen Eisenbeton-Bauweise in der Formensprache des Jugendstils das offensichtliche Bekenntnis zur Symbiose des Baustoffs mit der Gestalt geworden. Diese Form des „Art Nouveau“ als Gesamterscheinung des Gebäudes wurde überhaupt erst mit Eisenbeton möglich und hier konsequent umgesetzt. 

Markthallen konnten vielleicht gar nicht so mutig erbaut werden, es waren die vielbesuchten Orte des pulsierenden Lebens, Eisenbeton sollte erst später seine materialtypische Formbarkeit einem großen Publikum zeigen dürfen. Auch Bauten wie die 1913 fertiggestellte Jahrhunderthalle in Breslau von Architekt Max Berg und Ingenieur Willy Gehler, Ikone der klassischen Architektur-Moderne und heute UNESCO Weltkulturerbe, waren in der Entstehungszeit noch hoch umstritten.

Das Krefelder Klärwerk zeigt jedoch schon 1909, dass der neue Werkstoff Eisenbeton seine materialtypische Formbarkeit bei der Konstruktion von Hallen bereits ausdrücken konnte.

Literatur:

  • Jörg Rehm, Eisenbeton im Hochbau bis 1918,
  • Piotr Berkowski und Marta Kosior-Kazberuk, Construction history survey as an element of technical assessment of market hall from beginnings of the 20th century
  • Dipl. Ing. Georg Böttcher, beton-geschichte-und-anwendung
  • Friedbert Kind-Barkauskas, Bruno Kauhsen, Stefan Polonyi, Beton Atlas
  • Emperger, Fritz: Handbuch für Betonbauten, zweite Auflage, Elfter Band, Markthallen Schlacht- und Viehhöfe, Saal- und Versammlungsbauten, Schornsteine, Fabrikgebäude und Lagerhäuser, Geschäftshäuser, Verlag von Wilhelm Ernst & Sohn, Berlin, 1915 
  • Zentralblatt der Bauverwaltung, Nr.11/1909 
  • Deutsche Bauzeitung, Mitteilung über Zement, Beton- und Eisenbetonbau, Nr.8/1909 
  • Küster H., Die städtischen Markthallen in Breslau, Zentralblatt der Bauverwaltung, XXIX, 11, 1909, s. 74-78.
  • Städtische Markthallen in Breslau, Schweizerische Bauzeitung, 22, 53/54, 1909, s. 310-311.
  • Küster H., Die Verwendung des Eisenbetons bei den Breslauer Markthallen, Deutsches Bauzeitung, VI, 8, 1909, s. 34 – 36.
  • Küster H., Markthalle I am Ritterplatz zu Breslau, Der Industriebau, II, 1911, s. 281 -285.
  • Küchle F., Die städtischen Markthallen am Ritterplatz in Breslau, Ostdeutsche Bau-Zeitung, 16, 7, 1909, s. 93-96.

Bremsberg? Seilbahn? Funicular? Oder Wasserballast-Standseilbahn?

Das historische Klärwerk beheimatete eine Anlage zum anheben und transportieren der Loren mit Klärgut, die wir ja vor einigen Monaten bereits wieder freigelegt hatten, [siehe Bremsberghaus].

Funktion: Auf einem doppelten eigenständigen Schienenstrang, der gut 3m Höhendifferenz auf einer Schräge überwindet, wurden die Loren mit dem Klärgut oder dem gewonnenem Sand aus dem Sandfang, auf eigenen Wagen huckepack angehoben und befördert. Aus der erhaltenen Inventarienzeichnung geht hervor, dass das Nebengebäude Bremsberghaus benannt war, die Funktion also ein „Bremsberg“ ist.

Aus einer handschriftlichen Überlieferung und aus industriearchäologisch untersuchten Details wissen wir zudem, dass es sich um ein Seilbahnsystem handelte, das mit Wasser angetrieben wurde. Beide Wagen waren mit einem Drahtseil verbunden und pendelten über mehrere Rollen im oberen Teil des Gebäudes abwechselnd herauf und herunter.

Dazu nutzte man einen grossen Wassertank an der Decke des Bremsberghauses, dessen solide Aufhängung und Abstützung noch gut zu sehen ist. Das Wasser wurde offenbar in den oberen Wagen gefüllt, bis dieser schwerer wurde als der Wagen unten.

Detailzeichnung aus den Inventarienplänen:

Detail Inventarienzeichnung
Detail der Inventarienzeichnung, Seilbahn Bremsberghaus

Woher stammt diese Technik?

B wie BremsBerg, Bergbau? Das einschlägige Handbuch für „Steiger“ liefert folgendes:

Bansen H. (1921) Die Bremsbergförderung. In: Die Streckenförderung. Die Bergwerksmaschinen (Eine Sammlung von Handbüchern für Betriebsbeamte), vol 6. Springer, Berlin, Heidelberg

Bremsberg:
„Auf diesen schiefen Ebenen läßt man die vollen Wagen an Seilen hinunter und nutzt die überschüssige Kraft aus, um gleichzeitig oder später die leeren Wagen aufwärts zu ziehen. Da aber durch diese Arbeitsleistung noch nicht alle überschüssige Kraft aufgebraucht wird, vernichtet man den Rest derselben in Bremsen.“

Eine Sache fällt in dieser Beschreibung auf. Der volle Wagen fährt bergab und zieht den leeren Wagen bergauf, die überschüssige Kraft wird weg gebremst.

Der Duden listet dazu folgendes auf:

„Ein Bremsberg ist eine Fördereinrichtung im Bergbau, bei der auf geneigter Strecke leere Wagen durch gefüllte abwärtsfahrende an Drahtseilen nach oben gezogen werden.“

Das passt so nicht, haben wir gar keine Bremsberg Seilbahn?

Im Klärwerk haben wir es offenbar mit einem anderen System zu tun, der volle Wagen mit dem Klärgut sollte ja aus dem tief liegenden Haus nach oben. Der leere Wagen sollte zurück ins Haus nach unten.

Funis, Funiculus, Funicular, Standseilbahn:

Funicular, von funis, lateinisch für „Seil“, im Sinne von „an einer Schnur oder einem Faden“.

Ein Funicular, auch Standseilbahn, ist ein schienengebundenes Verkehrsmittel, dessen Wagen durch ein oder mehrere Seile bewegt werden. Dadurch können auf kurzer Strecke große Höhenunterschiede überwunden werden. Es verkehren dabei zwei Wagen, die fest mit einem Drahtseil verbunden sind, das in der Bergstation über eine Seilscheibe geführt wird. Die beiden Wagen am Drahtseil halten sich ungefähr im Gleichgewicht, so dass für den Antrieb der Bahn nur kleine Kräfte aufgebracht werden müssen. Der Antrieb erfolgte in der Entstehungszeit der Funiculare oft durch Wasserballast, bis Elektromotoren sich durchsetzten.

Im Klärwerk nutzte man als Ballast Wasser.

Wasserballast?

Mit Wasser als Ballast angetriebene Seilbahn Systeme gibt es bis heute: Bei einer Wasserballast-Standseilbahn wird die Masse des in der Bergstation stehenden Wagens durch Einleiten von Wasser in einen Tank künstlich erhöht. Die Schwerkraft, welche auf die zusätzliche Masse des Wagens wirkt, zieht diesen dann talwärts, wobei der in der Talstation stehende Wagen mittels des über die Seilscheibe laufenden Drahtseils bergwärts gezogen wird. Weil mit der Fahrt die Seillänge und somit das Gewicht des Seils zwischen der Bergstation und dem talwärts fahrenden Wagen stetig zunimmt, zudem die Wagen am Ende der Strecke gebremst werden sollen um nicht anzuschlagen, muss während der Fahrt die Geschwindigkeit durch Bremsen geregelt werden.

Geschichte der Standseilbahnen und Wasserballastbahnen

Die Geschichte der Standseilbahn lässt sich bis ins Jahr 1411 zurückverfolgen, als ein solches Gerät erstmals in einem militärischen Buch dieses Jahres beschrieben wurde. Diese frühesten Standseilbahnen dienten im Wesentlichen dem Transport von Personen und Material zu Burganlagen und Festungen auf Bergkuppen.

Die Hochphase der Standseilbahnen war das ausgehende 19 Jahrhundert, die Anlagen wurden zur Beförderung von Baustoffen, auf Baustellen, bei Staudammprojekten, in den Bergen als Bergbahn für sonst schwierig zu erreichende Berggipfel, aber auch als öffentliches Personentransportsystem in Städten benutzt.

Eine der ersten Wasserballast Seilbahnen ist die Prospect Park Incline Railway an den Niagara Fällen in den USA gewesen, die 1845 eröffnet wurde.

Die erste moderne Standseilbahn die in Europa gebaut wurde, auch eine Wasserballast Standseilbahn war die 1862 zwischen Rue Terme und Croix Rousse in der französischen Stadt Lyon betriebene Anlage. Siehe https://fr.wikipedia.org/wiki/Funiculaire_de_la_rue_Terme

Funiculaire de la rue Terme, siehe hier

Erhaltene in Betrieb befindliche Wasserballastbahnen

Deutschland, Wiesbaden:
Neobergbahn, 1888, in Betrieb. Als letzte Bergbahn dieses Typs in Deutschland ist die Nerobergbahn heute ein technisches Kulturdenkmal.

Neobergbahn, Postkarte, Details siehe Wikimedia, Wikipedia

Schweiz, Fribourg:
Funicular Neuveville – St. Pierre, 04.02.1899
Die letzte Wasserballastbahn der Schweiz. „Kein Motor treibt diese Standseilbahn an, sondern Abwasser aus der Fribourger Oberstadt. Ein ganz spezieller Duft liegt da in der Luft, wenn das Wasser in der Bergstation in den Wassertank unter dem Wagen läuft. Nach der Talfahrt wird das Wasser wieder abgelassen.“
Siehe http://standseilbahnen.ch/fribourg-neuveville.html

Details siehe https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fribourg_funicular.jpg

Portugal, Braga
Elevador do Bom Jesus do Monte, Die Standseilbahn ohne direkten elektrischen Antrieb wurde von Niklaus Riggenbach errichtet und ist nicht nur die älteste der Iberischen Halbinsel, sondern auch die älteste funktionstüchtige Wasserballastbahn der Welt.
Details auch hier

Elevador do Bom Jesus

England, Lynton und Lynmouth an der Nordküste Devons
Lynton & Lynmouth Cliff Railway, 1890

Details siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Lynton_and_Lynmouth_Cliff_Railway

Ausserdem ein interessanter Link zu den Amerikanischen Standseilbahnen. In Amerika war das Prinzip des Funicular, auch in Ausführung von Wasserballastbahnen, sehr verbreitet: Ära der amerikanischen Standseilbahnen

Egal ob Wasserballast-Standseilbahn oder Bremsberg

das Klärwerk hatte eine faszinierende Technik zum Transport der Loren. Einige Fragen bleiben noch offen. Warum ist es Bremsberg benannt?

Lag das vielleicht an den erst offenbar nachträglich angefertigten Inventarienzeichungen, diese sind mit August 1910 datiert, somit erst Jahre nach Baubeginn gezeichnet worden. Wie kamen die Stadtväter auf die Idee, diese recht komplexe Technik einbauen zu lassen, lag es am Zeitgeist, dem Boom dieser Technologie genau zu dieser Zeit?

Oder hat es mit der Industrie- und Gewerbeausstellung in Düsseldorf 1902 zu tun, da jedenfalls sind die führenden Techniker und Technologien ausgestellt worden, auch der deutsche Pionier der Seilbahntechnik, die Firma Adolf Bleichest & Co wa dort, siehe http://www.vonbleichert.eu Unsere Vermutung und mehrere Fäden unserer Forschungen führen zu dieser Ausstellung, auch und insbesondere die vollständige Eisenbeton-Konstruktion des Gebäudes hat vielleicht in Düsseldorf die nötige Inspiration gefunden.

Die Zukunft des „Bremsberges“, oder vielleicht besser „Funiculars“ im Klärwerk?

Wir werden im Rahmen einer Technik AG ein funktionsfähiges Modell anfertigen, danach im Haus in einer 1:1 Rekonstruktion Tests machen und am Ende sollte die Anlage wieder in Betrieb gehen, oder?

Warum ein technisches Kulturdenkmal langfristig erhalten werden muss und warum dies manchmal schwieriger ist

In Gesprächen hören wir recht oft die Bezeichnung „Wasserwerk“. Oder auch nur verkürzt: „aha, ist ja Jugendstil, sieht nett aus, sollte man erhalten“. Noch vor kurzer Zeit wusste niemand mehr so recht, welche genau Funktion im Gebäude war. Man nannte es lieber „Pumpwerk“ (zugegeben, wir auch). „Das ist eine Kläranlage?“ man wollte es gar nicht glauben, dafür sieht das Klärwerk ja fast schon zu „schön“ aus. Seit der Ausserbetriebsetzung 1962 wurde es statt Abriss ab 1980 kräftig umgenutzt, auch umgestaltet. Der Grund war: seine Schönheit. „Hauptsache es ist schön“ steht auch auf „aufgeklebten“ Buchstaben, Künstler sollen diese in den 80ern angebracht haben. Es ist unbestritten „schön“. 

Genauso herausragend ist aber seine technische Funktion und seine spezielle Betonkonstruktion. Dazu genauso wichtig: die tiefen Zusammenhänge, die zur Erschaffung des Klärwerks führten. Wenn wir kurz mal darüber nachdenken, welches Ausmaß die Folgen der industriellen Umwälzungen des 19. und 20. Jahrhunderts auf unser aller Leben hatten, dann wird schnell klar, dass für das Verständnis unserer Lebensweise heute, aber auch die Entwicklung in den letzten eineinhalb Jahrhunderten bis hier hin, ein „technisches Kulturdenkmal“ dies uns erklären kann. 

Besondere Denkmäler wie das Klärwerk sind Schlüsseldenkmale für diese Epoche. Dennoch konkurriert der „Wert“ eines technischen Kulturdenkmals mit anderen Prioritäten. Oft genug ist ja die schöne „Form“ das entscheidende, nicht die „Funktion“, der „geschichtliche Zusammenhang“. Der Erhalt und die industriearchäologische Bearbeitung sollten aber nicht hinter so manchem Kirchenbau oder auch der ein oder anderen Jugendstilvilla zurückstehen müssen. Tun sie aber.

Und das ist das Problem. Mit der Erhaltung der Einrichtungen im Gebäude steht und fällt der Wert der Anlage als ein technisches Kulturdenkmal. „Umnutzungen“ setzen aber die Zerstörung der technischen Einrichtungen voraus, eine leere Hülle würde zurückbleiben. Diese wird anschließend umgenutzt. Beim Klärwerk ist dies genau so geschehen, die Klärhalle wurde mit Betonrampen vollgestopft um es umzunutzen. Es ist ein Glücksfall, dass viele dieser „Fremdbauten“ nur oberflächlich die Erkennung seiner ursprünglichen Funktion stören, zudem auch rückgebaut werden können. 

Damit der gleiche Fehler einer falschen Umnutzung nicht wieder geschieht, muss es für die Instandsetzung, den daraus erst ermöglichten langfristigen Erhalt, die Öffnung für Besucher, deutlicher Fördermittel geben, als für „nur schöne“ Denkmäler. Die ehemalige technische Funktion als ein Teil der Denkmalbedeutung des Klärwerks, setzt für Umnutzungen einen äußerst begrenzten Spielraum. Man könnte auch sagen: es gibt das Thema Umnutzung bei einem „echten“ Industriedenkmal gar nicht. Es muss so erhalten werden. 

Gibt es andere vergleichbare Projekte in Krefeld?

Krefeld hat einige bedeutende Denkmale, die ungenutzt waren oder es auch noch sind. Einige werden von engagierten Eigentümern entwickelt, oder auch von Initiativen „übernommen“ und es entstanden oder entstehen erstaunliche Projekte daraus:

Historisches Stadtbad Krefeld 

Die Freischwimmer sind Krefelder*innen mit dem Ziel, das Stadtbad aus dem Jähre 1890 in der Neusser Straße neu zu entdecken und mit kreativen Aktionen im Rahmen einer Zwischennutzung zu beleben. Sie wollen ein Experiment wagen, das die Bedürfnisse der Bürger unserer Stadt sichtbar macht. Sehr spannendes gibt es hier: https://freischwimmer-krefeld.de

Historisches Bahnhofsgebäude Uerdingen

2017 hat das Tambour- und Fanfarenkorps Spielfreunde Uerdingen 1927 e.V. das Bahnhofsgebäude als Vereinsheim erworben und setzt es instand. 

Historische Weinbrennerei Dujardin

Die Familie Melcher erhält eine der bedeutenden industriellen Landmarken Uerdingens, die ehemalige Dujardin Weinbrennerei. Man kann das Gebäudeensemble bei Rundgängen durch das Brennerei Museum erleben oder aber im Restaurant Küferei speisen.

Uerdinger Werft 

Die ehemalige Uerdinger Werft (jene Wasserkante am Rhein entlang) wurde über 600 Jahre als der Hafen der Stadt Uerdingen genutzt. Heute besteht sie aus einem nicht entwickelten, aber zugänglichen Uferweg und einer Vielzahl von Gebäuden ehemaliger Speditionen und Fabriken, die heute fast alle ungenutzt sind und verfallen. 

Gut aufbereitete Informationen gibt es dazu und insgesamt zu Uerdingen von Horst Peterburs in die Geschichte der Rheinstadt Uerdingen. Grundsätzlich ist das gesamte Ensemble, aufgrund der Nähe zum „Chempark Uerdingen“ (das historische Bayer Werk), nur schwer umnutzbar. Die einzigartige „urbane Wasserlage“ Uerdingens wartet im Dornröschenschlaf. Geschichte und Tradition des alten Handelsortes mit einer modernen Umnutzung und diese dann mit dem historischen Ortskern Uerdingens zu vernetzen, ein Traum. Aber das ist fast schon Geschichte, die Gebäude sind in sehr desolatem Zustand. So bleibt nichts anders als Strukturen temporär umzunutzen: Was als einmalig geplante Aktion begann, ist hoffentlich nun fester Bestandteil der Kunst- und Kulturszene: Rhineside Uerdingen

Bauhaus in Krefeld

Überaus bekannt ist die Umnutzung der Industriegebäude des Bauhaus-Pioniers Ludwig Mies van der Rohe.  Mies van der Rohe Business Park.

Testserien

Was ist in den letzten Wochen geschehen? Wir haben vor allem Testserien zur Instandsetzung an einzelnen Bauteilen durchgeführt.

Insbesondere haben wir uns mit dem Salz auf den Wänden der Klärhalle beschäftigt. Ziel des Erhalts ist der letzte Farbauftrag, dessen Geschichte übrigens auch noch zu erforschen ist. Dazu wollen wir behutsam die Verschmutzungen entfernen aber den ablesbar gebrauchten Zustand ebenso erhalten.

Eine andere Testserie beschäftigte sich mit dem Verteilschieber. Hier haben wir untersucht ob und wie stark Eisstrahl-Verfahren helfen können, die oben auf liegende Korrosion zu entfernen. Das Problem ist hier ebenso aber das Salz sodass wir nun Rat suchen im Unesco Weltkulturerbe Rammelsberg um aus den dortigen Bemühungen Metall zu erhalten, dass in salziger Atmosphäre eingesetzt war, für uns zu lernen und ein praktikables schonendes Verfahren zu finden.

Zuletzt habe wir uns mit den Graffiti auf dem Lavabasalt beschäftigt. Diese können mit Wasserheissdampf gelöst werden. Leider ist aber der vor 111 Jahren aufgebrachte Putz auf den Außenwänden damit nicht zu reinigen. Alle Versuche führen hierbei zur Zerstörung der Bausubstanz. Vielen lieben Dank nochmal an den Sprayer „Tips“ der kräftig zum nun sehr problematischen Zustand beigetragen hat!

Langeweile? no! Betriebsleiter-Wohnhaus

Nachdem wir mit dem leeren der Kanäle erst mal nicht recht weiter kommen, beschäftigen wir uns zur Abwechslung einfach mal mit dem schönen Betriebsleiter Wohnhaus.

Das Wohnhaus wurde vom städtischen Architekten Anton Rumpen geplant und ist zwischen 1921-22 erbaut worden.

Die Beschreibung in der Denkmalliste der Stadt Krefeld liest sich so: Architektonisches Hauptkennzeichen des eingeschossigen Hauses sind das sehr hohe Walmdach und die Betonung des Haupteingangs auf der Westseite des Gebäudes durch einen flachen Risalit mit Dreiecksgiebel. Der Giebel wird von einem flachen Gesimsstreifen rundum eingefasst und ruht auf zwei einfachen, lisenenartigen Vorsprüngen an den Kanten des Risalits. Die Hauptansichtsseite ist bis hin zur Position der Schornsteine streng symmetrisch um die Achse des Haupteingangs angeordnet. […] Der Haupteingang ist um das Sockelgeschoss mit den Kellerfenstern gegenüber dem Bogenniveau erhöht und besitzt eine vierstufige Freitreppe.

Das Haus war bis 2004 bewohnt (andere Quellen sagen bis 2014). Der Zustand ist leider auch hier von Vandalismus und Leerstand stark beeinträchtigt. Wir sicherten nach Übernahme erst mal das undichte Dach. Danach haben wir den Strom und Wasseranschluss reaktiviert und nun säubern wir es.

Die Zimmer sind mit Holzdielen in „Ochsenblut“ lackiert. Bis auf den Flur, der sehr Wurmstichig war und entfernt werden musste, sind sie in brauchbarem Zustand. Die Fenster müssen aufgearbeitet werden, einige sind durch Vandalismus stark beschädigt.

In den Räumen waren kindische Graffiti an den Wänden, aber nachdem die „Tapeten“ raus sind, ist das Geschichte. Ach ja, wenn Jemand den Künstler „Tips“ aus Uerdingen kennt, schöne Grüße: wir haben Probleme mit Deinen Tags auf 111-Jahre altem Lava Basalt am Klärwerk. Du kannst bei Zeiten mal vorbeischauen und das wieder abmachen! Oder verstehst Du nichts von Kunst? Jugendstil? …


Mal nachsehen im neuen Auslasskanal, ok neu ist relativ, er ist von 1909…

Mit der Reinigungsanlage wurden 1908 – 1910 einige wichtige Kanäle der Stadt neu erbaut. So schreibt Wilhelm Wessel, der damalige Leiter des Tiefbauamtes, 1982 in „Die Heimat“ in Ausgabe 53: „Der Südsammler beginnt am Hauptbahn­hof, er verläuft im Zuge Hansastraße — Oppumer Straße — Glockenspitz — Berli­ner Straße zur Reinigungsanlage […]. Der Südsammler ist als Betonkanal gebaut mit einem maul­förmigen Profil 2,12 / 2,21m, er ist heute noch voll in Betrieb und in gutem Zustand.

Da wir ja grade mit dem Kommunalbetrieb AöR der Stadt Krefeld in den Kanälen der Kläranlage unterwegs waren, machte es Sinn aus dem neben der Anlage verlaufenden Hauptkanal, die historischen Zu- und Abflüsse der des Klärwerks zu begutachten. Der Weg hinunter führt über eine Wendeltreppe gut 7m hinab zum Kanal. Die Anlage ist in Betrieb, bei Starkregen fließt Regenwasser durch den Kanal zum Rhein. Unten angekommen bietet sich ein tolles Panorama:

der Auslasskanal

Der Zulauf der Kläranlage ist mittlerweile verschlossen, aber der historische Kettenschieber ist noch vorhanden:

Die Inschrift lautet: Geigerische Maschinenfabrik, Karlsruhe

Wir sind dann durch den Kanal bis zum Auslauf des Klärwerks gewandert, dort führt eine Wendeltreppe hinauf, der Auslauf selbst ist zugemauert.

Kanalbegehung

Noch einige Impressionen aus dem Kanalbauwerk

Abstieg ins Unbekannte

Im Mai war es soweit. Mit der Hilfe der Abwasser- und Kanal- Fachleute des Krefelder Kommunalbetriebs AöR sind wir in das vergessene Kanalsystem des Klärwerks abgestiegen. Ein Abenteuer der etwas anderen Art, denn wer hat schon mal die Gelegenheit im historischen Untergrund einer denkmalgeschützten Kläranlage die Kanäle, die vor über 111 Jahren errichtet wurden und seit Jahrzehnten geschlossen sind, zu untersuchen?

Kanalarbeit

Volle Schutzausrüstung samt Messgeräten und Selbstrettern waren angesagt. Dann ging es durch den alten Revisionsschacht hinunter in den Bauch des Klärwerks.

In den Kanälen war alter Schlamm unbekannter Herkunft erhalten. Ein Grund könnte sein, dass der Teil der Anlage das ehemalige Hochwasserpumpwerk war, das 1970 ausser Betrieb ging. Die Stadt Krefeld hatte eine neue Anlage direkt am Rheinufer erbaut und diese sollte dann später das gereinigte Abwasser der neuen Kläranlage am Elfrather See in den Fluss pumpen. Ob man damals den Schlamm im ersten Klärwerk vergessen hatte, oder am Ausfluss der historischen Kläranlage in den alten Hauptkanal zum Rhein eine Undichtigkeit vorlag, ist bisher unbekannt. Die Bewegungsfreiheit für uns Kanalforscher war jedenfalls eingeschränkt und wir konnten uns nur mühsam durch die Ablagerungen kämpfen.

tief schwarzer aber dafür fast gar nicht riechender Schlamm

Wir drangen vom Revisionsschacht in zwei Richtungen vor. Zuerst in Richtung Hochwasserpumpwerk und Ausflusskanal. Der Kanal selbst ist über 2m hoch, rund 2m breit und im unteren Teil mit gebrannte Tonziegeln ausgekleidet. Er ist im Fuß offenbar eben und nicht gewölbt angelegt.

vorsichtiges Vortasten

Nach gut 10m erreichten wir einen der beiden Schieber die den Pumpensumpf, aus dem damals die Kreiselpumpen das Abwasser abgesaugt hatten, verschlossen. Der Schieber ist erhalten und steht in der geschlossenen Stellung.

Kettenzüge im Hochwasser Pumpwerk (Archivbild)

Der Antrieb bzw Kettenzug des Schiebers ist oberirdisch in der Pumpenhalle gewesen, aber nicht erhalten. Im Untergrund sehen die Schieber dann so aus:

geschlossener Schieber

Interessanterweise ist der untere Teil der Kette, wenn auch stark korrodiert, erhalten. Von hier aus führt der Ausfluss-Kanal in einem weiten Bogen bis zum Hauptkanal zum Rhein.

Am Ende des Teilstücks ist eine halbrunde Struktur zu erkennen, auf dem Foto sieht es fast wie ein halb offener Schieber aus, unten im Kanal haben wir dies gar nicht bemerkt und sind aufgrund des Schlamms auch dieses mal noch nicht weiter vorgedrungen.

Zurück und auf die andere Seite des Revisionsschachtes ging es als nächstes. Dort haben wir ein Vereinigungsbauwerk entdeckt, in dem zwei der drei Kanäle der Klärhalle zusammen strömten.

Vereinigungsbauwerk

Im linken Teil ist im Hintergrund eine unterbrochene Verfüllung und dann einer der gemauerten Rundbögen des Endes der Klärbecken zu erkennen. Wir konnten aufgrund des piepens der Messgeräte erst mal nicht weiter vordringen um über die Mauer dort zu blicken. Rechts ist der Kanal jedenfalls nach ein paar Metern verfüllt.

Die Klärbecken sind zur Zeit mit den Betonrampen der Umnutzung als Abwasserpumpwerk verfüllt. Aber der Denkmalschutz hat 1976 vor dem Umbau einige Fotos gemacht, hier sieht man das Ende der Klärbecken und die runde Vermauerung.

Nach dieser zumindest zum Teil erfolgreichen Mission beschlossen wir, zuerst mehr Schlamm aus den Kanälen zu entfernen. Die Frage ist aber noch, wann und wie. Danach können wir genauer die jeweiligen Enden der Kanäle untersuchen.

Glückauf